Das Wintermärchen
Das Wintermärchen
Fotograf: Björn Hickmann / Stage Pictures Hergard Engert, Yorick Wolters, Katharina Dalichau
Das Wintermärchen
Fotograf: Björn Hickmann / Stage Pictures Yorick Wolters, Hergard Engert, Georg Strohbach, Michael Putschli, Katharina Dalichau
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William Shakespeare

Das Wintermärchen


Blind vor Liebe - rasend vor Eifersucht
Premiere am 31.03.2012, Schauspielhaus
 
Montag, 18. Juni 2012, 20.00 Uhr
ca. 150 Minuten inkl. Pause | Globe-Theater

Besetzung
Autor William Shakespeare
Regie Bettina Jahnke
Bühne/Kostüme Dorit Lievenbrück
Musik Bojan Vuletic
Dramaturgie Barbara Noth
Camillo Joachim Berger
Paulina Katharina Dalichau
Hermione Hergard Engert
Antigonus/Autolycus André Felgenhauer
Der Eine Michael Großschädl
Perdita Emilia Haag
Leontes Michael Putschli
Florizel Jonathan Schimmer
Archidamus/Der Andere Georg Strohbach
Polixenes Henning Strübbe
Mamillius Mos Dalichau/Yorick Wolters
weitere Termine

Pressestimmen
Neuss-Grevenbroicher-Zeitung vom 02. April 2012
[…] Eben noch streichelt Leontes zärtlich den Bauch seiner hochschwangeren Frau Hermione, tobt mit seinem erstgeborenen Sohn Mamilius und Polyxenes, dem eigenen besten Freund seit Kindertagen, durchs Zimmer. Und dann plötzlich: Leontes bildet sich ein, zwischen Hermione und Polyxenes liefe etwas, das Ungeborene sei gar von ihm. Niemand kann Leontes das ausreden, seine Wahnidee wird zum Bollwerk. […]
Polyxenes muss bei Nacht und Nebel in sein eigenes Reich Böhmen fliehen; Hermione kommt ins Gefängnis; das kleine Mädchen, das sie dort zur Welt bringt, lässt Leontes in einem fernen Land aussetzen. Wundert es da, dass erst Mamilius vor Kummer stirbt und dann auch Hermione? Zumal der Sohn die Demütigung der Mutter durch den Vater miterleben muss. Die Hände auf den Ohren, steht er mit dem Gesicht zur Wand in einer Ecke und kann sich doch nicht wegdenken.
Es ist einer der zahlreichen, wirksamen Akzente, mit denen RLT-Intendantin Bettina Jahnke Shakespeares "Wintermärchen" in ihrer Inszenierung eine eigene Richtung gibt. […]
Leontes Sohn Mamilius (Mos Dalichau), der zur Musik seines Brummkreisels auf dem Boden einschlummert, läutet die Geschichte sanft ein. Noch herrscht Friede und Freude – so wird es nie wieder sein, selbst wenn zum guten Märchenschluss Leontes die in Böhmen gefundene und aufgewachsene Tochter Perdita wiederfindet, Hermione gar nicht tot ist. Der Sohn aber wird nie wieder zurückkehren.
Ohne dessen Tod hätte Leontes womöglich gar nicht den Weg der Reue eingeschlagen. Und ohne das Kindermädchen Paulina hätte es kein Happy-End mit Hermione gegeben. […]
Shakespeares Bild von der lebendig werdenden Statue Hermiones transportiert Jahnke in ein Video. Überhaupt überträgt sie einige Versatzstücke geschickt ins Moderne. Das Orakel von Delphi wird kurzerhand zum Vaterschaftstest erklärt; eine Anhörung Hermiones wird eingeklinkt, die wie in einem dieser unsäglichen Massen-TV-Talks von einem Moderator begleitet wird – nur ungleich zynischer; und das Schafschurfest im fröhlichen Böhmen gerät zu einer Gaga-Party […].Schlicht, aber auf den Punkt: Bühnenbild und Kostüme von Dorit Lievenbrück. Im noblen Weiß erinnert das Sizilien des Leontes ans Bankermilieu; Böhmen in überbordender Buntheit ist der Gegenentwurf. Und die Schauspieler – ohne Ausnahme wunderbar. Allen voran Michael Putschli als Leontes mit der ganzen Bandbreite von Wahn über Reue bis zur Sanftmut; Hergard Engert als Hermione, die immer auch ein bisschen undurchschaubar bleibt; Henning Strübbe als Polyxenes, der ein bisschen eitel ist, gleichwohl integer; und Katharina Dalichau als herrlich zupackende Paulina. In den Nebenrollen glänzen Georg Strohbach als Moderator und André Felgenhauer, der Shakespeares Spitzbuben Autolycus etwas Faunisches gibt. Dazu die Musik- und Toncollagen von Bojan Vuletic – alles in allem eine Inszenierung, die […]mit guten Ideen überzeugt.


Radio Neuss vom 15. April 2012
Das Wintermärchen beginnt mit der Darstellung der tiefen Verbundenheit zwischen Leontes, König von Sizilien, und Polixenes, König von Böhmen. Beide verbindet eine in Kindheitstage zurückreichende Freundschaft. Doch diese harmonische Eintracht zerbröckelt schon im nächsten Augenblick. Leontes wird von wahnhafter Eifersucht heimgesucht und bezichtigt seine hochschwangere Gattin Hermione des Eherbruchs mit Polixenes. […]
Eindrucksvoll und teilweise irritierend unterstützt durch diverse Soundeffekte, wie das bedrohliche Brummen eines kaputten Scheinwerfers kurz vor der Explosion, inszenieren die Regisseurin Bettina Jahnke und die Dramaturgin Barbara Noth das innerliche Rasen des Sizilienkönigs. Mit einfachen, aber grandiosen Effekten, wie beispielsweise Wind, der an gespannten Laken entlang streicht und der eben erwähnten akustischen Akzente, gelingt es, die jeweiligen Gemütszustände der Protagonisten perfekt zu untermalen.
Gegen die einst so vergötterte König kommt es zum Prozess, der einem öffentlichen Schauprozess à la Bild-Zeitung in nichts nachsteht. Mit dem überwältigenden Abbild unserer heutigen Gesellschaft mit all ihrer Sensationsgier, Vorverurteilung und fehlender Nächstenliebe, erfährt Hermione ihr Urteil. Wie dieses ausfällt und ob Leontes seinen Wahn überwindet, sollte sich jeder unbedingt selbst anschauen, denn es wartet noch allerlei Überraschendes auf den Zuschauer.
Die durch die Verflechtung von modernen Elementen aus der heutigen Zeit und der Shakespeare’schen Sprache, absolut gelungene Inszenierung wird durch das reduzierte, funktionale Bühnenbild von Dorit Lievenbrück wunderbar unterstützt. […]
Die Komposition von sozialkritischer Inszenierung und einem grandiosen Ensemble voller Überzeugungskraft lässt dem Zuschauer neben Gänsehaut auch ein wunderbares Theatererlebnis zuteil werden.


Der Neusser von Mai 2012
Im Märchen gibt es die Bösen und die Guten, trifft Gier, Wahnsinn und Besessenheit auf Unschuld und Tugend. Über allem aber thront die Macht der Liebe, schafft sie es, die Gewalt zu brechen. So ist es auch in Shakespeares Wintermärchen. Ein Werk, das sich nicht um Wahrheit und Möglichkeit schert, das in Handlung, Zeit und Ort seine eigenen Wege zaubert. Ein komplexes Phantasiegebilde, das aus der zerstörerischen Kraft menschlicher Angst einen seelischen Abgrund baut und eine wundersame Geschichte erzählt. Im RLT brachte Intendantin Bettina Jahnke die weitgewebte Utopie nun zur Premiere. Mit modernem Gestus in die Gegenwart versetzt, ist es ein Spiel mit dem Spiel der Einbildung. […]
Es ist ein Stück der Gegensätze. Hier Leontes’ Sizilien, kalt und argwöhnisch. Dort Polixenes’ Böhmen, farbenfroh, ausgelassen und naturverbunden, an dessen Ufer Leontes’ verstoßene Tochter Perdita („die Verlorene“) als Baby ausgesetzt wird. Sie wächst bei einem Schafhirten auf und – nach einem Zeitsprung von 16 Jahren – verliebt sie sich in den Thronfolger Böhmens, Florizel, Polixenes’ Sohn. Winter in Sizilien steht gegen Sommer in Böhmen. Kahle Wände gegen Blumen, Fische und Üppigkeit.
Bettina Jahnke baut in ihrer Inszenierung auf die Macht der Bilder, die in Shakespeares Worten steckt. Zwei Länder, wie sie verschiedener kaum sein könnten. Doch egal wie ausgelassen sich das Spiel gestaltet, Angst und Spekulation laufen der Wirklichkeit stets voraus, in Sizilien wie in Böhmen. Ein Faden, der die Geschichte mit Realität vernetzt. Jahnke unterstreicht dies mit Bezügen zur Gegenwart. So wird aus Shakespeares Orakelspruch, der die Wahrheit über die Treue der Königin bringen soll, ein Vaterschaftstest. Die Gerichtsverhandlung in Sizilien wandelt sich zum öffentlichen Schauprozess im TV-Show-Format.
Besonders einfallsreich und geschickt frisiert sie das Schäferfest in Böhmen, auf dem Perdita und Florizel ihre Heirat verkünden, zur rauschhaften Liebesorgie um. Gegensätze erzeugen Töne und gestalten Musik. Klang- und Sinnbilder, Gesang und Gesten, damit malt die Handlung, Leidenschaft und Emotion dieser Szene. Eine Interpretation von Shakespeares Spätwerk, die zudem auf die Facetten der Figuren setzt, in Wucht und Spanne. Katharina Dalichau brilliert als mahnendes, sich dem König widersetzendes Kindermädchen. André Felgenhauer, als Autolycus auf Stöckelschuh in enggeschnürtem Rüschenkleid, stellt einmal mehr seine große Wandlungsfähigkeit unter Beweis. Emilia Haag als Naturkind Perdita, keck und ängstlich zugleich, Henning Strübbe als vollkommener Charmeur Polixenes und Michael Großschädl, der jedem noch so kleinen Auftritt Glanz verpasst; die Riege der Schauspieler überzeugt durchweg. Nicht zuletzt Michael Putschli als vom Wahn besessener Despot Leontes.
Es ist ein Märchen, bei dem Tote zu Leben erwachen und die Phantasie die Zügel hält. Wie sagt Autolycus: „Es gibt noch viel zu tun für jemanden, dem viel einfällt.“



ZUM STÜCK

Im eifersüchtigen Wahn bezichtigt König Leontes von Sizilien seine Frau Hermione, ihn mit seinem Freund Polixenes, dem König von Böhmen, zu betrügen. Hermione wird ins Gefängnis geworfen, die gerade geborene Tochter von Leontes nicht anerkannt. Er lässt das Kind an einem fremden Strand aussetzen. Zornig weist der König selbst den Orakelspruch aus Delphi zurück, der ihn als eifersüchtigen Tyrannen brandmarkt, der ohne Erbe bleiben werde, so lange das, was verloren ging, nicht wieder gefunden wird. Da erreicht ihn die Nachricht vom plötzlichen Tod seines kleinen Sohnes Mamilius. Hermione bricht zusammen und stirbt scheinbar vor Trauer.

Die schweren Schicksalsschläge bringen Leontes zu der Einsicht, dass er selbst es war, der alles, was er liebte, zerstört hat. Doch 16 Jahre müssen noch ins Land gehen, bevor – wie im Märchen – die Geschichte an ein glückliches Ende gelangt.

Shakespeares Romanze erzählt von der zerstörerischen Kraft der Eifersucht und wie sie durch die unbeirrbar Liebenden und den Aufbruch einer neuen Generation überwunden wird.