Liebelei
Liebelei
Fotograf: Björn Hickmann / Stage Pictures Sigrid Dispert (Mizi Schlager), André Felgenhauer (Theodor Kaiser) und Henning Strübbe (Fritz Lobheimer)
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Fotograf: Björn Hickmann / Stage Pictures Henning Strübbe (Fritz Lobheimer), Melanie Vollmer (Christine Weiring)
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Fotograf: Björn Hickmann / Stage Pictures
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Fotograf: Björn Hickmann / Stage Pictures
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Fotograf: Björn Hickmann / Stage Pictures
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Fotograf: Björn Hickmann / Stage Pictures
WEITERE BILDER

Arthur Schnitzler

Liebelei


Männer lieben anders – Frauen auch
Premiere am 28.01.2012, Schauspielhaus
 
Besetzung
Autor Arthur Schnitzler
Regie Marc Lunghuß
Bühne Martin Dolnik
Kostüme Jennifer Thiel
Dramaturgin Barbara Noth
Christine Weiring Melanie Vollmer
Mizi Schlager Sigrid Dispert
Fritz Lobheimer Henning Strübbe
Theodor Kaiser André Felgenhauer
weitere Termine

Pressestimmen
Westdeutsche-Zeitung vom 30. Januar 2012
Marc Lunghuß verleiht Schnitzlers Werk im Landestheater Aktualität. So eine Affäre bringt Abwechslung ins Leben. Doch wehe dem, der den prickelnden Spaß mit der großen Liebe verwechselt. Das galt nicht nur im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts, als Arthur Schnitzler mit seinem Schauspiel „Liebelei“ der größte Bühnenerfolg gelang.
Nun hat Regisseur Marc Lunghuß das Stück für das Rheinische Landestheater bearbeitet. Am Samstag feierte das psychologische Drama vor fast ausverkauftem Haus eine erfolgreiche Premiere.
Wie bereits bei seinem preisgekrönten „Törleß“ hat Lunghuß wieder ein Werk der österreichischen k. u. k.-Zeit bearbeitet. Und wieder gelingt es ihm mühelos, dem Stoff Aktualität zu verleihen.
Spartanisch präsentiert sich Martin Dolniks Bühnenbild. Die Requisite ist auf ein Minimum reduziert, lediglich vor Beginn der Handlung schwebt ein riesiges Herz über der Bühne. Pochend und verletzlich stimmt es die Besucher auf das ein, was sie in den nächsten 70 Minuten erwartet.
[…] Der junge Lebemann Fritz (Henning Strübbe) hat sich mit einer verheirateten Frau eingelassen und muss sich nun mit dem gehörnten Ehemann duellieren, wie es der Ehrenkodex verlangt.
Sein Freund Theodor (André Felgenhauer) hält sich indes an Mädchen aus einfachen Verhältnissen. Mit denen gibt es keinen Beziehungsstress, dafür Erholung und Zärtlichkeit, ist Theodor überzeugt.
So vergnügt er sich mit Mizi (Sigrid Dispert), ohne dass beide nennenswerte Gefühle investieren. Die oberflächliche Affäre ist Programm, wie Theodor erklärt: „Wir hassen die Frauen, die wir lieben. Und lieben nur diejenigen, die uns gleichgültig sind.“
Aber was, wenn doch eine Frau Gefühle entwickelt, wie Mizis Freundin Christine (herausragend: Melanie Vollmer) für Fritz? Christine ist lieb, keine Frage – nur „für eine langfristige Beziehung etwas zu lieb“, wie es Fritz formuliert. Schüchtern, naiv und emotional erlebt sie ihre erste, blinde Leidenschaft. […]
Melanie Vollmer versteht es, ihrer Figur eindringliche Überzeugungskraft zu verleihen. Umso tragischer wirkt Christines Erkenntnis am Schluss: Sogar gestorben ist ihr Liebster für eine andere.


Neuss-Grevenbroicher-Zeitung vom 30. Januar 2012
Marc Lunghuß hat am Rheinischen Landestheater Arthur Schnitzlers Drama „Liebelei“ inszeniert. Zugespitzt und pointiert, aber im Vergleich zu seiner „Törleß“-Inszenierung vor zwei Jahren am gleichen Ort geradezu zahm. Melanie Vollmer hat nur ihr Gesicht und ihren Körper, um auszudrücken, was Autor Arthur Schnitzler ihrer Figur Christine in Worten zugesteht. Sie, die Fritz aus ganzem Herzen liebt, darf in Marc Lunghuß’ Inszenierung von Schnitzlers Drama „Liebelei“ am RLT kaum einmal etwas sagen. Denn wie hatte Fritz doch unmissverständlich klargemacht: „Gefragt wird nichts.“ Aber er weiß, was sie wissen will und schleudert ihr ihre Worte voller Wut entgegen: dass sie einander nicht oft genug sehen; was es mit dieser Dame in Schwarz auf sich hat, mit der er in der Theaterloge saß; … Und sie schweigt. Steht nur da und schaut. Die personifizierte Angst, etwas falsch zu machen und damit auch das letzte bisschen Hoffnung zu zerstören, dass aus ihr und Fritz ein Paar wird. Ein richtiges. […]
Lunghuß und Dramaturgin Barbara Noth […] lassen alles eindeutig Verortende weg, konzentrieren sich allein auf die Gefühlslage der vier Hauptpersonen, streichen nicht nur jedes Begleitpersonal wie Christines Vater, sondern verändern auch die Charaktere. […]
Henning Strübbe spielt [Fritz] überzeugend mit einer Mischung aus furioser Grausamkeit und weinerlichem Selbstmitleid. André Felgenhauer ist die ideale Besetzung für Theodor – äußerlich ein lustiger Paradiesvogel, aber als Figur wohl die wahrhaftigste in diesem Quartett. Ein bisschen unbedarft, aber irgendwie auch eine ehrliche Haut. Eigentlich würde er gut zu der illusionslosen, gleichwohl beherzten Mizzi, die von Sigrid Dispert frisch und unbekümmert gespielt wird.
Kostümbildnerin Jennifer Thiel hat ihnen allen kongeniale äußere Erscheinungsbilder verpasst. So kommt Christine im farblosen Hängerchen daher. Auch das schmucklose Bühnenbild von Martin Dolnik mit dem großen pochenden Herz zu Beginn passt sich der schnurgeraden Inszenierung an.


WDR 5, Scala, Service Bühne vom 14. Februar 2012
[…] Der Regisseur Marc Lunghuß hat in seiner Fassung für das Rheinische Landestheater Neuss viele Rollen gestrichen und die Handlung auf 70 spannungsvolle Minuten eingedampft. Zwei Männer, zwei Frauen. Die Freunde sind leichtgesinnte Flattergeister, die das Leben genießen. Christine schwebt mit verträumt romantischem Gemüt durch die Welt. Fritz ist durch das nahe Duell völlig aus der Bahn geworfen. […] Ein großes pochendes Herz hängt zu Beginn von der Decke. Dann fliegt es hoch und gibt die Bühne frei für vier energiegeladene Schauspieler. Henning Strübbe spielt Fritz stets an der Kippe zur Hysterie, André Felgenhauer porträtiert einen zynischen Partytypen. Melanie Vollmer wirkt als Christine manchmal sehr blond und sehr brav, bekommt aber am Ende stilles, tragisches Format. Und Sigrid Dispert ergänzt das Quartett mit ein bisschen Herz im feschen Abendkleid. Ein hartes, Gefühle kühl sezierendes Stück, mit Gegenwartssprache angereichert, am Rande der Groteske inszeniert. Ein starker Abend am Rheinischen Landestheater.

TheaterPur vom 21. Februar 2012
Ganz schön bunte Vögel hat die Kostümbildnerin Jennifer Thiel da auf die Bühne gestellt: André Felgenhauer als Theodor in seiner knatschblauen Hose mit riesigem rotgrün-kariertem Schottenmuster-Shawl, Henning Strübbe als Fritz mit einem Monster von weißem Schleifen-Vorbau überm roten Cut; dazu die aufgedrehte, in der Tonlage immer ein kleines bisschen zu schrille Sigrid Dispert als Mitzi – so aufgebrezelt wären die schon eine ziemliche Show gewesen im Wien des Jahres 1895, als Arthur Schnitzlers Liebelei uraufgeführt wurde. Doch dann, nach einer Viertelstunde etwa, tritt Christine auf. Ganz leicht rechts von der Bühnenmitte steht sie da, im einfachen grau-beigen Hänger mit hochgeschlossenem weißem Rühr-Mich-Nicht-An-Kragen und langen blonden Haaren. Steht da fast bewegungslos, sagt nichts, verfolgt die unverschämten Spiele und rohen Bemerkungen der anderen stumm und unglücklich und traurig – und fesselt uns so, dass wir kaum den Blick von ihr wenden können. […] Diese Christine ist hübsch und weckt Beschützer-Instinkte. Sie steht da, sagt nix und himmelt ihren Fritz an. Und der schreit: „Halt den Mund!“, poltert: „Dein Gerede und Geschwafel widert mich an!“ Meint dabei die Frau, die vor lauter Unglück und Liebe die Zähne nicht auseinanderkriegt. Die ihn liebt und die er nur zu seinen Spielchen nutzt. […] Christine, die trotz aller Zurückweisungen an ihrem geliebten Fritz festhält, wirkt durch ihre unerschütterliche Ruhe und ihre tieftraurige Sprachlosigkeit noch entrückter; die permanent hochtourig sabbelnden, oberflächlichen bzw. mit aggressiver Ironie verletzenden Theodor und Fritz erscheinen noch negativer, moralisch verworfener. Fritz ist ein unglaubwürdiger Hallodri, der sich selbst längst verloren hat, Theo ein etwas egozentrischer, vergnügungssüchtiger Ironiker ohne Bereitschaft oder Fähigkeit zur Empathie und Mitzi ein einfach gestricktes, lebenslustiges Mädchen aus dem einfachen Volk, das in ihren Gedanken kein Morgen kennt. Tiefgang und Verantwortungsbewusstsein finden wir nur bei Christine. […] Regisseur Marc Lunghuß verknappt und verdichtet Schnitzlers Schauspiel und spitzt es dadurch zu. So gelingt der Transfer auf die gesellschaftspolitische Ebene des 21. Jahrhunderts.


ZUM STÜCK

Christine glaubt an die große Liebe. Sie meint es ganz und gar ernst mit Fritz. Der allerdings sieht die Dinge lockerer. Er hat eine Affäre mit einer verheirateten Frau. Um ihn von dieser hochgefährlichen Liaison abzulenken, hat sein Freund Theodor zum stimmungsvollen Abendessen mit Christine und ihrer leichtlebigen Freundin Mizi geladen. Währenddessen taucht jedoch der betrogene Ehemann auf und fordert Fritz zum Duell. Vor Christine verheimlicht Fritz sein Doppelleben und die gefährliche Situation, in die er sich gebracht hat. So erfährt sie erst nach dem Duell, bei dem Fritz tödlich verwundet wird, die ganze Wahrheit.

Arthur Schnitzler lässt in seinem 1895 uraufgeführten Stück Liebeskonzeptionen aufeinanderprallen, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten. Mit ihrer unbedingten Art zu lieben verzweifelt Christine am Ende, aber sie stellt auch die Erbärmlichkeit derer bloß, die sich in Lüge und Selbstbetrug verstrickt haben.

LIEBELEI wurde 1958 mit Romy Schneider als Christine und Alain Delon als Fritz verfilmt.