West-östlicher Divan (UA)
West-östlicher Divan (UA)
Fotograf: Bjoern Hickmann / Stage Pictures Henning Beckmann
West-östlicher Divan (UA)
Fotograf: Bjoern Hickmann / Stage Pictures Andreas Spaniol, Linda Riebau, Henning Beckmann
West-östlicher Divan (UA)
West-östlicher Divan (UA)
West-östlicher Divan (UA)
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West-östlicher Divan (UA)
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West-östlicher Divan (UA)
West-östlicher Divan (UA)
WEITERE BILDER

Johann Wolfgang Goethe und andere Autoren

West-östlicher Divan (UA)


Wie sich Orient und Okzident berühren | Collage
Premiere am 09.11.2012, Studio
 
Uraufführung
Besetzung
Autor Johann Wolfgang Goethe
Regie Sahar Amini
Bühne/Kostüme Julia Rösler
Gastmusiker Henning Beckmann
Dramaturgie Barbara Noth
Mit Linda Riebau
als Gast Andreas Spaniol
weitere Termine
Di, 28.05.13, 19.30 Uhr
Theater Solingen / Solingen

Pressestimmen
WZ
Uraufführung: „Divan“-Collage im RLT

[…] Mit seiner Bühnenbearbeitung von Goethes „West-östlichem Divan“ gewinnt das Ensemble um Regisseurin Sahar Amini dem bekannten Werk neue Facetten ab – nicht zuletzt, weil es Goethe andere Stimmen zur Seite stellt: Friedrich Nietzsche kommt ebenso zu Wort wie Adolf Muschg und der junge Autor Deniz Utlu. Am Freitag erlebte das Experiment im Studio des RLT die Uraufführung. Das Risiko hat sich gelohnt, vom Publikum wurde die Vorstellung im gut besuchten Haus mit anhaltendem Applaus quittiert.
Dabei hatte das Stück, als literarische Collage inszeniert, den Zuschauern einiges abverlangt.
[…] Die Gedichte sind nicht einfach zu konsumieren, so haben es meist nur kurze Auszüge ins Bewusstsein geschafft. „Manches kann man auf Postkarten drucken“, schreibt dazu Dramaturgin Barbara Noth.
Doch so einfach ist es nicht, weder in Goethes komplexer Textsammlung noch in der Realität. Das Stück führt dies überdeutlich vor Augen. Ost oder West, Oase oder Tanke, Burka oder Bulimie - mit diesen Schlagworten karikieren die Schauspieler Linda Riebau und Andreas Spaniol und Musiker Henning Beckmann gleich zu Beginn die Neigung zum Denken in Gegensätzen.
[…]. Vieles bleibt offen nach 70 Minuten szenischer Rezitation, und gerade dies zeichnet das Stück positiv aus. Letztlich hinterlässt die Suche nach dem Sehnsuchtsort eine nachdenkliche Stimmung. Eine Art Schlusswort hat Regisseurin Amini für Nietzsche reserviert, der schrieb: „Niemand kann dir die Brücke bauen, auf der gerade du über den Fluss des Leben schreiten musst.“ Noch ein Postkartenspruch? Vielleicht. Aber einer, der sich gegen ein leichtfertiges Abnicken sperrt.
(Inge Hüsgen)

NGZ
Mit Goethe zwischen den Welten wandern

Der Anfang ist ein rechtes Gucken und Suchen. Denn schon der Raum ist so ganz anders als gewohnt: Statt der üblichen Sitzreihen gibt es Podeste mit Sitzkissen, an drei Seiten gruppiert um eine völlig nackte Spielfläche. Im Studio des RLT geht das; der Raum gibt das her und damit auch gleich ein Signal: Das, was wir gleich sehen und hören, kommt aus unserer Mitte, aus unserem Leben. Distanz ist da nicht angebracht.
Ein großes Versprechen, was Regisseurin Sahar Amini, Dramaturgin Barbara Noth und Ausstatterin Julia Rösler da geben. Goethes "West-östlichen Divan" haben sie sich vorgenommen und für einen Abend auf der Bühne bearbeitet, der das Ende offen lässt. Wer nach rund 70 Minuten den Raum wieder verlässt, ist vermutlich immer noch derselbe, aber er wird vielleicht den Drang spüren, sich mit den Gedichten Goethes zu beschäftigen, die dieser wiederum verfasste als Hommage und Antwort zugleich an den persischen Dichter Hafis (14. Jahrhundert). Denn man geht ein bisschen betäubt hinaus; betäubt von einem Gefühl, dass der Blick auf eine Kultur verstellt ist, wenn wir beim kleinen Wort "östlich" vor allem wie in diesen Tagen üblich an Terror und Blutvergießen denken und darüber ihre berührende und große poetische Kraft ignorieren.
"Sich zu wiegen, lass' ich gelten; Also zwischen Osten und Westen Sich bewegen, sei's zum Besten!" ist ein Wort, das aus dem Nachlass Goethes zum "West-östlichen Divan" überliefert ist, und es trifft diesen Abend bis in die kleinste Verästelung. Das große Verdienst von Amini und ihrem Team ist nämlich das: Sie montieren Goethes Texte mit denen von zeitgenössischen Autoren und schlagen einen großen Bogen zwischen dem, was der Mensch sich erträumt, und dem, was der Alltag ihm aufzwingt.
Drei Wanderer zwischen den Welten – die Schauspieler Linda Riebau und Andreas Spaniol sowie der Musiker Henning Beckmann – nehmen uns mit auf eine Reise, die allein über Sprache funktioniert. Die Erinnertes aus der Vergangenheit, Erlebtes aus der Gegenwart und Gewünschtes aus der Zukunft verknüpft und manches Mal von den Dreien durch kleine Blicke und Gesten ironisch gebrochen wird.
Der Einstieg in den Abend ist locker, ein Wortassoziationstest […] er führt auf den Weg, den die drei Namenlosen unter dem Motto "Wenn du kein Reisender bist, wie willst du dann führen?" beginnen. Und kommen sie am Ende irgendwo an? Nun, das ist nicht sicher und bleibt dem eigenen (Wunsch-)Denken überlassen.
Vielleicht kein großer, aber ein anregender Abend, der zudem überzeugend die Vielseitigkeit des Studios als Experimentierfeld für ungewöhnliche Theaterformen unter Beweis stellt.
(Helga Bittner)


News 89.4
Am 09. November 2012 feierte das Rheinische Landestheater die Premiere des Stücks West-östlicher Divan von Johann Wolfgang Goethe. RadioNE war vor Ort und durfte 70 Minuten lang einem ganz außergewöhnlichen Stück beiwohnen.
In zwölf Bücher eingeteilt, gestaltete der berühmte deutsche Literat sein Werk West-östlicher Divan als eine Art poetisches Zwiegespräch und schuf gleichzeitig eine Hommage an Hafis, den Goethe sehr bewunderte. Dabei geht es um ein lyrisches, muslimisches Ich, welches sich kritisch mit Glauben auseinandersetzt und über das Leben im Orient philosophiert.
Das Rheinische Landestheater inszenierte die Thematik unter Leitung von Sahar Amini neu. Zusammen mit Julia Rösler (Bühne, Kostüme) und Barbara Noth (Dramaturgie) wird dem geneigten Publikum der West-östliche Divan auf einer kleinen, offenen Bühne gezeigt. Das Schauspiel kann von allen Seiten betrachtet werden; der Zuschauer ist mitten im Geschehen.
Mit morgenländischen Posaunenklängen leitet der Musiker Henning Beckmann die Aufführung ein und untermalt sie im weiteren Verlauf mit grandios gesetzten, musikalischen Effekten.
Goethes Gedichte, die in der Inszenierung fast wie die Zeilen eines Verliebten anmuten, werden mit einem neuzeitlichen Blick auf die muslimische Welt verbunden. Die beiden Schauspieler Linda Riebau und Andreas Spaniol verstehen es dabei eindrucksvoll und mitreißend, dem Publikum einerseits die verklärte, dichterische orientalische Welt zu vermitteln und andererseits, durch barsche Situationswechsel, das vorurteilsbehaftete, gewaltbesetzte Bild des Ostens zu zeichnen.
[…] das philosophisches Gedankengut zu Heimat, Liebe, Glauben, dem Sehnsuchtsort und der Kriegsdramaturgie [durchströmt] die Inszenierung in einer überraschend ruhigen Beständigkeit.
Wer sich sowohl Goethes Dichtkunst als auch der Philosophie verschrieb, dem sei diese wunderbar freigeistige Inszenierung sehr empfohlen.
Allen, die bisher eher das konservative Theater schätzten, sei der Neusser West-östliche Divan dennoch ans Herz gelegt, denn die drei agierenden Personen verstehen es ausgezeichnet die entsprechenden Emotionen zu wecken, ohne sich dabei in der Abstraktion zu verlieren.
RadioNE bedankt sich für den tollen, anregenden Abend.
(C.F.)

Martin Burkert von WDR Mosaik

Das Spielzeitmotto des Rheinischen Landestheaters Neuss in dieser Saison lautet „Glauben“. Zu Beginn der Saison startete man mit „Hiob“ von Joseph Roth als Beitrag zum Judentum, dann folgte die Komödie „Don Camillo und Peppone“ zum Verhältnis zwischen Katholizismus und Kommunismus. Am morgigen Freitag (9.11.) folgt nun ein Stück zu Islam und Christentum, Orient und Okzident. Dazu hat die Bühne die theatrale Bearbeitung des „West-östlichen Divans“ von Johann Wolfgang von Goethe in Auftrag gegeben. Sahar Amini, eine Regisseurin mit persischem Hintergrund ist mit der klassischen Gedichtsammlung auf ganz eigene Weise umgegangen. Martin Burkert hat die Proben besucht und mit den Beteiligten gesprochen.


(Posaune – Leitmotiv, bleibt unterlegt)
(Beckmann) Das war jetzt ein kleines Zitat aus dem Abend - mit dem der Abend beginnt…
erläutert der auf der Bühne mitspielende Musiker Henning Beckmann

wo ich so persischen Klangraum aufgreife, was aber gleichzeitig auch aus dem Westlichen, aus dem Blues Elemente hat und die sich dann verschmelzen, kombinieren.



Die Musik entspricht der Idee des Theaterabends: West- und östliche Kunst berühren sich.

Wir haben das auf den Spielplan gesetzt, weil uns das Thema der Begegnung Orient-Okzident, Islam-Christentum fehlte im Spielplan

erläutert Chefdramaturgin Barbara Noth:

nicht nur um die Weltreligionen abzuhaken, sondern auch noch mal ne Vision zu entwerfen vom Standpunkt der Kunst, der Poesie.
(A/Goethe) Nord und West und Süd zersplittern, Throne bersten, Reiche zittern, flüchte du, im reinen Osten Patriarchenluft zu kosten.


Mit diesem Poem beginnt Goethes Gedichtsammlung:

dort, im Reinen und im Rechten, will ich menschlichen Geschlechten in des Ursprungs Tiefe dringen.

Dieses Gedicht kommt in Neuss auf die Bretter. Allerdings machen Goethe-Texte nur ein Fünftel des Abends aus. Es ist kein Programm, das Gedicht um Gedicht deklamiert. Unterschiedliche Textarten - Verse, Nachrichten Prosa, Lieder - werden benutzt, um der kulturverbindenden Vision von Goethes Divan nachzusinnen. Dramaturgin Barbara Noth:

Statt sich mit Vorurteilen zuzubauen, erst mal genau hinzuschauen, das hat ja auch Goethe gemacht, sich erst mal in was zu versenken, was ist das für eine Kultur, was ist das für eine Literatur, was ist das für eine Religion und ich hab das Gefühl, wir setzen ganz schnell ne Überschrift oder ein Label drauf und das wars dann gewesen: die Turbanträger mit dem Bombengürtel und so.

Verantwortlich für die Zusammenstellung der Texte ist Sahar Amini, die auch Regie führt.Den Abend versteht sie als eine Reise, die poetische, emotionale und historische Stationen ansteuert:

Vor acht Monaten erhielt sie die Anfrage aus Neuss, den West-östlichen Divan theatral zu bearbeiten. Seitdem bastelt sie an der Text-Collage:


Darunter sind einige Texte des persischen Dichters Hafis, der im 14. Jahrhundert gelebt hat und Goethe inspirierte.

(L/Hafis) Doch auch dies Erdental scheint leer - Von des Adams Samens Schöne. - Lasst uns eine neue Welt schaffen, neue Adams Söhne.

Hafis und Goethe sind eingebettet in ein literarisch-musikalisches Wechselbad. Das springt abrupt zwischen dem vor 800 Jahren gestorbenen Märchenerzähler Nisami und dem 43jährigen Theaterautor Falk Richter:


(Posaune, orientalisches Motiv)

Der Abend dauert nur eine gute Stunde. Die ist prall gefüllt. Gespielt wird im weitgehend leeren Bühnenraum, umrahmt von den Zuschauern. Linda Riebau, Andreas Spaniol und der Musiker Henning Beckmann wechseln versiert Rollen und Textarten mit viel Einsatz und engagierter Präsenz.

Sind es, sind es zwei, die, die sich erlesen, dass man, dass man sie als eines kennt.

Der West-östliche Divan in Neuss ist ein Panoptikum mit berührenden und nachdenklichen Momenten zwischen Utopie und Anti-Utopie, Orient und Okzident, Islam und Christentum. Sahar Amini:

Wir können unsere Spieler und den Musiker als Reisende verstehen, die unterschiedliche Stationen bereisen /1010/ eine Sammlung von mehreren Stimmen und von mehreren Reisenden, die wir da komprimiert haben.

Posaune Musikalisches Leitmotiv, Ende




ZUM STÜCK

Im Alter von 65 Jahren liest Goethe erstmals Gedichte des persischen Dichters Hafis, den er sehr bewundert. Sein West-östlicher Divan ist ein poetisches Zwiegespräch über die Länder, Religionen und Jahrhunderte hinweg. West-östlich bedeutet deutsch-orientalisch, lateinisch-arabisch und christlich-muslimisch. In zwölf Kapiteln komponiert Goethe einen Reigen aus Liebeslyrik, Rätseln, Balladen, mystischen Gedichten und Reflexion über die Poesie und den schöpferischen Prozess.

Hinter den Stimmen der Liebenden Jussuf und Suleika verbergen sich Goethe und die junge Bankiersgattin Marianne von Willemer, in die er verliebt ist, die aber unerreichbar zu sein scheint. So ist der West-östliche Divan auch eine ganz persönliche Liebesbotschaft in Gedichtform.

Geradezu visionär ist Goethes Divan in seinem vorurteilsfreien Dialog, den er mit der reichen Kultur des Orients beginnt, sich annähernd über Gebräuche, Gedichte und religiöse Ideen. Diesen Geist des Zuhörens und Einander-Antwortens nimmt der Theaterabend auf und führt ihn spielerisch weiter bis ins Heute.